DEUTSCH

 


 

 

Guten Abend Herr Inspektor,

bitte treten Sie ein! Ich bin Ihnen zutiefst dankbar, dass Sie sich zu so später Stunde schlussendlich entschieden haben, die weite Reise trotz des bitterlichen Schneesturms auf sich zu nehmen. Reichen Sie mir Ihren nassen Mantel! Ich werde ihn im Flur zum Trocknen aufhängen. Bitte nehmen Sie einstweilen im Salon Platz. Machen Sie es sich auf dem großen Fauteuil neben dem lodernden Kamin gemütlich! Darf ich Ihnen ein Hors d’oeuvre anbieten? Bitte greifen Sie zu! Die Crème brulée ist noch heiß. Haben Sie Stift und Papier parat? Ich meine, sind Sie bereit? Ich möchte nun beginnen, Ihnen dieses Desaster, welches ich bedauerlicherweise mein Leben nennen muss, zu schildern.

 

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2015, Öl auf Leinwand, 40 x 50 cm

 

Alles begann gestern, während meines täglichen Ausrittes zur Mittagsstunde. Hocherhobenen Hauptes trabte ich auf meinem stolzen Pferd durch das Gelände. Eine leichte Brise durchkämmte mein frisch gewaschenes Haar. Plötzlich erblickte ich am Wegesrand einen einsamen Mann, der mir durchaus bekannt erschien. Im ersten Augenblick der Verwirrung wusste ich nicht recht, in welche Episode meines noch so jungen Lebens ich diese Gestalt einordnen sollte. Dann schoss mir die Erinnerung wie ein Blitz durch den Kopf. Es handelte sich um einen ehemals Geliebten. Jener üble Kandidat, welcher sich damals allzu schnell als jämmerlicher Ganove entpuppt hatte. Ich hatte dieses Kapitel anscheinend erfolgreich genug verdrängt, um sein trübes Antlitz im ersten Augenblick nicht sofort wieder zu erkennen. Ein paar Sekunden später traf mich der zweite Geistesblitz. Mitten ins Herz! Eben dieser ehemals Geliebte steht nach wie vor tief in meiner Schuld! Wir reden hier nicht von einer belanglosen Lappalie, sondern von einer durchaus beträchtlichen Summe. Anscheinend habe ich diese Begebenheit in die tiefen Abgründe meines Unterbewusstseins verbannt. Jetzt aber quoll der ganze unverdaute Kummer unaufhaltsam aus meiner Magengrube meinen Rachen hinauf. All die Erinnerung an jene missglückte Verbindung, welche ich damals, von Langeweile und Tristesse getrieben, leichtfertig eingegangen bin, schmerzte mich nun tief in der vernarbten Seele. Ich blickte von meinem hohen Ross herab in sein mürbes verwahrlostes Gesicht. Mein Inneres brannte vor Wut. Dieser Gefühlszustand musste auch mein sensibles Pferd erschrocken haben. Plötzlich bäumte es sich auf. Ich verlor die Balance und fiel zu Boden. Der sonst so treue Hengst machte kehrt und galoppierte davon. Nun lag ich mit blutverschmierten Knien und aufgeschürften Ellbogen auf dem harten Pflaster.

 

Jupiter, 2017, oil on canvas, 250 x 200 cm

 

Weder der Verlust des Lipizzaners, noch der Schmerz meiner Glieder konnte den Hass, welchen ich gegenüber diesem Defraudant empfand, übertönen. Ich richtete mich auf, stemmte beide Hände fest in die Hüfte und blickte ihm tief in die Augen. Leider machte es nicht den Anschein, als würde er etwas von materiellem Wert bei sich tragen – nichts was ich schnell zu Bargeld hätte machen können. In seiner ganzen primitiven Jämmerlichkeit stand er vor mir und lächelte mich erwartungsvoll an. Er signalisierte eine verdächtige Freude mich zu sehen. Ich wollte gerade ausholen, um ihn mit einem festen Schlag zu Boden zu strecken, als mir mein gutes Benehmen in die Quere kam. Ich würgte all den Ärger hinunter und reichte ihm in freundschaftlicher Geste die Hand, um ihn offiziell auf meinem Terrain zu begrüßen. Ich erwähnte ohne Umschweife, dass er sich gerade auf meinem Anwesen befinde und dass jener Waldweg, auf welchem wir uns zufällig träfen, zu meinem erst neulich erworbenen Landhaus führe. Er schien aufrichtig beeindruckt von meinem wirtschaftlichen Aufschwung und gratulierte mir zu meinem Status. Ich fühlte mich geschmeichelt, sehnte mich nach mehr Beifall und lud ihn ein, mit mir in meiner Residenz zu dinieren.

 

 

Rappe, 2015, oil on canvas, 70 x 100 cm

 

Herr Inspektor, ich hoffe Sie haben alles gut notiert. Nun werde ich Ihnen von dem wahrhaft tragischen Part dieser Begegnung berichten. Bevor ich fortfahre, möchte ich einen kräftigen Schluck Wasser zu mir nehmen, denn was ich Ihnen gleich erzählen werde, liegt mir schwer auf der Leber. Sie werden es kaum für möglich halten, in welcher Misere ich mich derzeit befinde.

 

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Showgirls, 2016, Öl auf Leinwand, 180 x 150 cm

 

Nun saßen wir gemeinsam am Mittagstisch. Ich nahm an, dass er es nicht gewohnt war, in jener festlichen Manier, welche in meinem Haus gang und gäbe ist, zu speisen. Seine Gestalt vermittelte mir ärmliche Verhältnisse. Nach dem ersten Gang offenbarte er mir, dass ihn nicht der reine Zufall, sondern der anonyme Hinweis eines gemeinsamen Bekannten in meine Gemächer getrieben hatte. Ich erschrak. Plötzlich erinnerte ich mich, dass mich jener Vagabund, welcher mir vis-à-vis gegenüber saß, in der gemeinsamen Zeit nicht nur gelangweilt, sondern auch ausspioniert hatte. Anscheinend hatte ich diese Begebenheit so erfolgreich verdrängt, dass es dieser Kreatur gelungen war, sich erneut Eintritt in mein Haus und Gehör zu verschaffen. Am liebsten hätte ich mich direkt über meinem Teller Bouillon mit Ei übergeben. Er teilte mir fieberhaft mit, dass er, seitdem er von meinem neuen Landgut erfahren hatte, den tiefen Wunsch verspürte, mich zu besuchen. Er begann, mir ausführlich von seinem Leben zu erzählen und was er die letzten Jahre so getrieben hatte. Ich verfluchte den Tag. Jedes einzelne seiner Worte rief ein tiefes qualvolles Desinteresse in mir hervor und stach mir langsam von hinten durch den Rücken in die zarte Brust.

 

Installation view TURM FRISUR, solo exhibition at Halle für Kunst Lüneburg, Spring 2017, Photo: Fred Dott

http://www.halle-fuer-kunst.de/ausstellungen/2017/kamilla-bischof-3/

 

Alfresco, 2016, Öl auf Leinwand, 150 x 100 cm

 

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Bleaching Agent, 2016, Öl auf Leinwand, 150 x 100 cm

 

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Jazz, 2016, Öl auf Leinwand, 150 x 100 cm

 

Ich verspürte enorme Erleichterung, als endlich der zweite Gang serviert wurde und ihn das Essen der exquisiten Speisen vom Reden abhielt. Warum bereitete meine Köchin ausgerechnet an jenem Tag den teuren Braten zu? Für diesen Gast wären mir ein paar gesalzene Kartoffeln und ein Stückchen herbes Brot lieber gewesen. Da saß er nun, vergnügt und munter, und stopfte sich den von mir kunstvoll erschossenen Fasan in den zahnlosen Rachen. Dieser Anblick war mir zutiefst zuwider. Ich spürte, wie mir ein paar Tränen die heiße Backe hinunter flossen. Zärtlich lächelnd wischte er mit seinen schmutzigen Fingern die warmen Tropfen von meiner glühenden Wange. Ich nehme an, er interpretierte mein Verhalten als Ausdruck der Freude und führte diese auf unser unerwartetes Wiedersehen und seine gute Gesellschaft zurück. Als die Hauptspeise abgetragen wurde, hoffte ich inständig, dass zum Nachtisch lediglich eine Schale mit Äpfeln aus dem Garten aufgetischt werden würde. Enttäuscht sank mein Blick zu Boden, als ich die fette Köchin mit einem frischgebackenen Apfelkuchen hereintrampeln sah.

 

Installation view TURM FRISUR, solo exhibition at Halle für Kunst Lüneburg, Spring 2017, Photo: Fred Dott

http://www.halle-fuer-kunst.de/ausstellungen/2017/kamilla-bischof-3/

 

Die Situation erschien mir aussichtslos. Ich erhob keinen Einspruch, als mein Gast, unverfroren wie er war, eine Flasche Digestif öffnete und mich förmlich dazu zwang auf unsere Reunion anzustoßen. Resigniert rutschte ich immer tiefer in den Stuhl. Wie konnte ich so leichtfertig gewesen sein? Warum habe ich nie begonnen, aus meinen Fehlern zu lernen? Warum lade ich ständig solch ein Gesindel in mein Haus ein? Meine sonst so stark pulsierende Lebensfreude gab den Geist auf. Ich verspürte nichts als Ohnmacht. Ich wäre so gerne alleine gewesen, anstatt mich in jener schlechten Gesellschaft zu befinden. Obendrein besaß er die deplatzierte Dreistigkeit in all den alten Erinnerungen und Dialogen, welche ich über die Jahre mühsam verdrängt hatte, zu schwelgen und sie noch dazu in perfider Absicht zu zitieren. Ich starrte auf das liebliche Blumenbouquet, welches dezent den massiven Eichentisch schmückte, und versuchte, vor meinem inneren Auge eine harmonische Szene zu visualisieren. Ich konzentrierte mich auf das kleine Himbeertörtchen, welches ich am Tag zuvor in einem Schaufester gesehen hatte. Doch nicht einmal die Erinnerung an die aufwendig dekorierte Auslage der kleinen Patisserie konnte mein aufgebrachtes Gemüt beruhigen.

 

 

Ich bot ihm höflich an, ihn zur Tür zu begleiten, damit er seinen Weg fortsetzen könne, da bald die Dämmerung über das Land hereinbrechen werde und es nicht ratsam sei, bei Dunkelheit zu marschieren. Sobald ich den Satz ausgesprochen hatte, hätte ich mich am liebsten selbst geohrfeigt. Wie konnte ich dieses ausschlaggebende Stichwort so leichtfertig in den Raum werfen, ohne über die haarsträubenden Konsequenzen nachzudenken. Er benutzte das Argument natürlich sofort für seinen Zweck. Nun appellierte er heimtückischerweise an meine Gastfreundschaft und meine guten Manieren. Er bat mich, bis morgen früh in meinem Hause verweilen zu dürfen, da, wie ich klugerweise bereits bemerkt habe, die Dämmerung bald über das Land hereinbrechen werde. Er versicherte mir, sich morgen nach dem Frühstück auf den Weg zu machen. Immerhin sei er ein vielbeschäftigter Mann, welcher einer wichtigen Tätigkeit nachgehen müsse. Ich bezweifelte beide Aussagen, aber fragte nicht weiter nach und stimmte widerwillig zu. Ich führte ihn in das schöne Gästezimmer und beteuerte, dass ich unter Migräne leide und mich zurückziehen müsse.

 

Minimal Nights, 2016, Öl auf Leinwand, 150 x 200 cm

 

Erschöpft schleppte ich mich die Wendeltreppe hinauf in meinen Turm und sperrte die Tür hinter mir mehrfach ab. Heulend drückte ich mein zartes Gesicht in eines der roten Samtkissen. Ich wusste nicht mehr weiter. Ich konnte die Vorstellung nicht verkraften, dass sich dieser Nichtsnutz wie eine fette Bettwanze in meinen Laken ausbreitete. Ich wusste, wenn es sich dieser Mann heute Nacht in meinem schönen Haus gemütlich macht und vielleicht sogar die Dreistigkeit besitzt, sich zu später Stunde noch einen kleinen Mitternachtsimbiss in meiner wohlgefüllten Speisekammer zu gönnen, dann bin ich morgen mit absoluter Gewissheit eine gebrochene Frau. Ich wusste, es ging um mein Leben und seinen Tod. Ich musste handeln. Ich befahl all den Angestellten, mit besonderem Nachdruck dem häuslichen Leibarzt, sich den Abend frei zu nehmen, da ich die gemeinsame Zeit mit dem seltenen Gast ungestört zelebrieren wolle. Ich ging in meine Kleiderkammer und wählte eine Robe, welche mein Dekolletee besonders vorteilhaft betont, und legte mir den Goldschmuck, welchen ich von der ehemaligen Schwiegermutter geerbt hatte, an die zarten Handgelenke. Ich parfümierte mich ausgiebig mit einer blumigen Note und öffnete den stramm geflochtenen Zopf. Mein leicht welliges Haar floss über meine Schulter und rahmte lieblich mein rosiges Gesicht. Ich stieg die Treppen hinab und wartete im Wohnzimmer. Ich setzte mich auf das Sofa und schlug die glattrasierten Beine übereinander. Ich nahm das Strickzeug in die Hand und wartete. Ich musste mich nicht lange gedulden, da kam die Wanze angekrochen und setzte sich auf das mit Wildleder überzogene Kanapee gegenüber. Ich sah wie sein lüsterner Blick mein nacktes Bein hinauf wanderte. Ich verwickelte ihn in ein Gespräch über die Weinernte, als ich beiläufig bemerkte, dass ich ganz hinten im Keller eine besonders edle Flasche aufbewahren würde, welche ich aber nur mit einem ganz besonderen Menschen teilen könne, da sie ein Vermögen gekostet hatte. Er schlug mir vor, die Flasche zu holen. Ich bot ihm an, ihn zu begleiten, da der Keller derzeit etwas unaufgeräumt sei und sich ein Fremder dort leicht verlaufen könne. Gemeinsam stiegen wir die Wendeltreppe hinab. Ich hielt eine kleine Öllampe in der Hand, welche uns den Weg wies. Ich merkte, wie er dicht hinter mir stand und gelegentlich meine fragile Hüfte streifte. Ich führte ihn zu der kleinen Weinkammer, welche sich im hinteren Gang am Ende des Gewölbes befindet. Ich bat ihn, voraus zu gehen. Ich würde ihm von hinten den Weg leuchten. Er öffnete die schwere Eisentür und bückte sich, um die Flasche aus der hölzernen Kiste zu heben, welche am Steinboden stand. Mit einem festen Fußtritt stieß ich die Tür hinter ihm zu, drehte den Schlüssel mehrmals im Schloss um, steckte ihn in meine Rocktasche und lief, so schnell ich konnte, in mein Schlafgemach zurück.

 

Installation view TURM FRISUR, solo exhibition at Halle für Kunst Lüneburg, Spring 2017, Photo: Fred Dott

http://www.halle-fuer-kunst.de/ausstellungen/2017/kamilla-bischof-3/

 

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Cous Cous, 2016, Öl auf Leinwand, 200 x 180 cm

 

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Den Untertan im Nacken, 2015, Öl auf Leinwand, 200 x 180 cm

 

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Rachen, 2016, Öl auf Leinwand, 200 x 180 cm

 

 

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Gate, 2016, Öl auf Leinwand, 200 x 180 cm

 

Erleichtert sank ich in mein Bett. Nun flossen wahre heiße Freudentränen meine Bäckchen hinab. Es war, als fiele mir ein schwerer Stein vom Herzen, welcher mir seit Jahren den Weg versperrt hatte. Triumphierend hielt ich den großen Schlüssel fest in der Hand, welcher den Feind aus meinen Schlafgemächern verbannt hatte. Als die ersten Momente der Euphorie ausgekostet waren, begann ich zu kalkulieren. Ich versuchte anhand einer selbst erhobenen Formel zu berechnen, welcher Tod zuerst eintreffen würde. Ob er wohl zuerst verhungern, erfrieren oder verdursten würde, war die Frage. Die letzte Option ließ mir einen plötzlichen kalten Schauder über den Rücken laufen. Er hat noch immer die Möglichkeit sich feierlich zu betrinken, mit dem kostbarsten aller Weine und dann komplett besoffen einzuschlafen und im Schlaf zu erfrieren. Das ist weder schmerzhaft, noch armselig. Dieser Abgang hätte sogar einen erhabenen Touch. Warum habe ich das nur nicht bedacht? Ich hätte die vollen Flaschen durch leere ersetzen sollen. Er hätte den Unterschied in dem schummrigen Licht nicht schnell genug erkannt, um meine Pläne zu durchkreuzen. Ich versuchte mir einzureden, dass alles nicht so schlimm sei und dass ich ihm den stilvollen Tod gönnen könne. Doch ich konnte mich beim besten Willen nicht davon überzeugen. Der Anblick der gebrochenen Frau, die ich für den Rest meines Lebens sein würde, weil ich den Feind mit meiner kostbarsten Flasche Wein auf dem Weg ins Jenseits ausgestattet habe, erschien mir unerträglich. Das liegt unter meinem Niveau. Ich wurde mit adeliger Würde geboren und mit dieser möchte ich auch weiterhin durch mein Leben schreiten. Vermutlich hat er die Flasche bereits geöffnet, dachte ich, und aus meinen Freudentränen wurden Perlen der Wut. Vermutlich freute er sich sogar, dass er die Kostbarkeit nicht mit mir teilen müsse.

 

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Konsulent, 2015, Öl auf Leinwand, 200 x 300 cm

 

Herr Inspektor, versuchen Sie, sich diesen inneren Konflikt vorzustellen! Nun verstehen Sie wohl, warum ich Sie heute anrief und um Hilfe bat. Ich bin eine alleinstehende Frau, mir hilft keiner, wenn ich nicht explizit darum bitte. Ich konnte die ganze Nacht kaum ein Auge zu tun. Ich brauche einen starken Mann an meiner Seite, der sich meiner annimmt und für mich die Angelegenheit regelt. Ich dachte, Sie wären genau der Richtige. Sie zählen doch zu einem intelligenten Berufsstand und haben eine gute Ausbildung genossen. Bitte helfen Sie mir. Ich fühle mich machtlos und ausgeliefert. Meine Kräfte scheinen zu schwinden. Bitte steigen Sie in den Keller hinab und bringen Sie mir die gute Flasche unbeschädigt zurück, ohne dass der Gefangene entkommt. Überwältigen Sie ihn mit Ihrer Manneskraft.

 

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Wiener Blut, 2015, Öl auf Leinwand, 100 x 70 cm

 

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I put my dirty roots into the golden purse, 2015, Öl auf Leinwand, 100 x 70 cm

 

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A gun for Jennifer, 2015, Acryl auf Leinwand, 100 x 70 cm

 

Wissen Sie, es ist nicht sein rechtmäßiges Eigentum. Jedes Gericht der Welt wäre auf meiner Seite. Es ist dreist, sich in der Weinkammer einer alleinstehenden Frau zu verstecken und sich an ihrem wertvollen Wein zu vergreifen. Wenn es Ihnen gelingt, diese Flasche zu befreien, dann werde ich sie mit Ihnen teilen. Sie werden mein Gast sein. Ich werde die guten Kristallgläser aus der Vitrine holen und mit Ihnen anstoßen: Auf eine gelungene Zusammenarbeit! Ich werde Ihnen kleine Köstlichkeiten aus der Speisekammer auf einem Silbertablett servieren. Wir werden tanzen! Ich werde Ihnen Raritäten aus der Plattensammlung vorspielen, während Sie mich behutsam über das frisch gewachste Parkett schieben. Wir werden es uns richtig gut gehen lassen, während er unten im Keller dahinvegetiert. Wir müssen heute ausnahmsweise keine Rücksicht bezüglich der Lautstärke nehmen. Das Personal ist außer Haus. Die nächsten Nachbarn wohnen einige Kilometer entfernt. Ich finde, das ist ein durchaus faires Angebot, welches ich Ihnen unterbreite. Ich hoffe, Sie sind klug genug es anzunehmen. Ich werde Sie nicht noch einmal in diesem höflichen Tonfall darum bitten. Seien Sie nicht töricht! Entscheiden Sie richtig! Sie sind ein kluger Mann. Sie müssen nur den, der mich einst so hintergangen hat, beseitigen. Das ist quasi ein Kavaliersdelikt. Die reinste Schadensbegrenzung. Was glauben Sie, wenn er weiterhin frei herumläuft und andere Damen schädigt, leben wir bald in einer Gesellschaft voll von gebrochenen Frauen. Jede einzelne hätte ein total gestörtes Verhältnis zu ihrem Eigentum. Sie würde glauben, es gehöre sich, sein Hab und Gut mit einer flüchtigen Bekanntschaft zu teilen. So wie ich es einst dachte. Naiv, wie ich war, teilte ich mein Gold und öffnete die Pforten in mein warmes Heim.

 

Bloody Mary, 2017, oil and acrylic on canvas, 150 x 100 cm

 

Ich weiß, was Sie nun denken. Es sei meine eigene Schuld. Wenn man dem verlausten Straßenköter ein Plätzchen auf dem weißen Seidenbettlaken anbietet, muss man sich der Konsequenzen bewusst sein. Aber so war es nicht! Hören Sie doch zu! Ich wurde schlichtweg hinters Licht geführt. Ehe ich mich versah, waren die Grenzen zwischen Mein und Sein so verwischt, dass ich nicht mehr wusste, wer von uns beiden nun der verlauste Straßenköter war und wem das seidene Bettlaken gehörte. Das ist eine ganz hinterhältige Spezies, mit der wir es hier zu tun haben. Nur nach langer Zeit der Aufarbeitung ist mir klar geworden, dass alles von materiellem Wert ausschließlich meines ist. Sehen Sie, Sie stehen gerade in meinem Salon, essen meine Crème brulée und beschäftigen sich mit meinen Sorgen. Verstehen Sie doch, ich habe das hier alles selbst erschaffen. Jedes Detail stammt aus meiner Hand. Jedes Dekor wurde meinem prüfenden ästhetischen Auge unterzogen. Ich habe hart daran gearbeitet. Und nun sitzt dieser Typ in meinem Keller und trinkt meinen edlen Wein. Ich wollte ihn nie wieder sehen! Aber sobald er vernommen hatte, dass ich mein eigenes Reich geschaffen habe, wollte er natürlich wieder ein Stückchen haben von meinem Kuchen. Aber eines sage ich Ihnen, mein Kuchen ist mein Kuchen und den werde ich nicht teilen. Hier geht es um rechtmäßiges Eigentum und uneingeschränkten Besitz. Ich hoffe Sie haben meine Botschaft klar und deutlich verstanden. Es ist kein Zufall, dass ich Sie auserwählt habe, diese Aufgabe zu lösen. Es ist nicht vorzustellen was passieren würde, wenn diese Spezies weiterhin unter uns weilt und sich sogar vermehrt. Wollen Sie wirklich dafür verantwortlich sein, dass die Töchter unseres Landes in solchen Zuständen aufwachsen? Das wäre fatal! Für alle Beteiligten. Denken Sie an all die heranwachsenden Frauen, denen jegliche Würde bereits im Kindesalter geraubt wurde! Sie müssen dafür sorgen, dass den Mädchen von erster Stunde an die richtigen Werte vermittelt werden.

 

 

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Tomahawk, 2015, Öl auf Leinwand, 150 x 100 cm

 

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Stalker, 2015, Öl auf Leinwand, 150 x 100 cm

 

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Arie, 2015, Öl auf Leinwand, 150 x 100 cm

 

Verstehen Sie doch endlich! Sie haben nun die Chance ein Zeichen zu setzen, um unsere Nachkommen vor all dem Übel zu bewahren. Ohne diesen symbolischen Akt wird bald der Ausnahmezustand herrschen, welcher früher oder später zwangsläufig zum Krieg führt. Depressive, ausgebeutete, gebrochene, weibliche Geschöpfe werden leichenhaft umherwandeln, unfähig zu gebären und absolut suizidgefährdet. Unsere Nation könnte in sich zusammen brechen und sich quasi selbst auslöschen. Sie müssen den Verbrecher beseitigen und seinem Treiben ein Ende setzen. Ich gebe Ihnen die Möglichkeit der Held dieser Geschichte zu werden. Sie müssen nur diesen Schlüssel in die Hand nehmen, in den Keller hinabsteigen und dem Sünder die gute Flasche Wein entreißen, damit er leidet, wie es ihm gebührt. Das Schicksal hat es so gewollt, daran können selbst wir beide nichts mehr ändern.

 

Pharisäer, 2016, Öl auf Leinwand, 200 x 250 cm

 

Ich ertrage es nicht. Nun sitzt schon wieder einer in meinem Keller, wie die Ratte im Speckmantel. Ich habe sehr viel Zeit und Energie investiert, um dieses schöne Ambiente zu erschaffen. Ich kann mich nur wiederholen. Ich möchte in meinem Tun und Treiben nicht ständig gestört werden. Dieser andauernd unangemeldet auftauchende Besuch vertreibt mir jede Lebensfreude. Ich fühle mich umzingelt und belagert. Ich möchte meine schönen Blumenbouquets alleine betrachten. Ich habe keine Lust meine Arrangements mit irgendeinem kritischen Besucherauge zu teilen, das irgendwelche unangebrachten primitiven Kommentare über mein Interieur abgibt. Ich möchte das alles nicht mehr hören. Ständig wollen die Mitmenschen einen in irgendein Klischee drängen, oder einen seltsamen Typ aus einem machen. Darauf habe ich keine Lust mehr. Ich habe keinerlei Interesse mehr, Besuch zu empfangen. Sie machen sich alle nur lustig und verbeulen mir mein schönes Sofa. Und dann wollen sie in ihrer selbstgefälligen Eloquenz baden und meine Lebenssituation bewerten. Ich möchte die zarte Atmosphäre, welche mein Haus erfüllt, aber nicht ständig von irgendwelchen Kritikern, die sich als Freund tarnen und wenig später als Feind entpuppen, vergiften lassen. Es kostet mich enorm viel Kraft und Energie diese Ordnung aufrecht zu halten. Ich möchte das nicht mehr. Ich will in Ruhe gelassen werden. Ich will mich nicht mehr rechtfertigen für jedes Detail meines Geschmacks. Es ist eine bodenlose Frechheit, was sich so mancher Gast geleistet hat. Ich bin kein Hotel, in welchem man kurz vor der Abreise noch eine Bewertung im Schulnotensystem hinterlässt. Ich bin so tief erschüttert über dieses schlechte Benehmen, mit welchem ich in den letzten Jahren konfrontiert wurde. Ich weiß mir nicht mehr zu helfen. Ich finde keinen Ausweg. Leider muss ich zugeben, dass die einzige Maßnahme, welche mir sinnvoll erscheint, ist, auf absolut jegliches Privatleben zu verzichten. Ich fühle mich geschädigt. Ich fühle mich wie die aufwendig bemalte chinesische Vase, die ungeschützt am Beistelltischchen stand und achtlos von dem schwarzen Kater umgeworfen wurde, kurz bevor er kaltblütig der kleinen Maus das Genick brach, welche am Boden hockte und genüsslich an dem kleinen Stückchen Käse nagte, das sie unter Todesangst gestohlen hatte.

 

Miranda Keyes 2017

 

Ich wünschte, es käme einer, der mich beschützt. Einer, der mich fernhält von dem ganzen Gesindel. Ich hätte gerne ein eisernes Tor, das seine Pforten nur mir alleine öffnet. Vor ihm befindet sich ein wildes Tier, welches jeden anderen in die Flucht schlägt. Nur ich darf passieren. Dann würde ich die schönsten Rosen pflanzen und mein Haus in leuchtenden Farben bemalen. Exotische Früchte würden ganz von selber wachsen. Kein anderer könnte es sehen. Niemand würde mir sagen, dass er es anders gemacht hätte. Ich müsste mich für keine Entscheidung rechtfertigen. Alles würde meinem Geschmack entsprechen. Ich müsste mit keinem mein Betttuch teilen. Das wäre himmlisch.

 

Psyche, 2016, oil on canvas, 200 x 90 cm

 

Liebes Publikum,

etwas später liege ich nun in meinem Turm, alleine auf dem Himmelbett, nachdem ich den Inspektor kurzerhand zu dem Gefangenen in die Zelle sperrte, da mir seine zögerliche Art und die stumme Gesellschaft von Anfang an zu öde waren. Die beiden Gefangenen machen sich vermutlich gerade eine wunderbare Zeit und stoßen gemeinsam mit meinen Weinflaschen an. Nun ja, was soll man machen. Es ist wohl immer das gleiche. Ach, sollen sie sich doch auf meine Kosten betrinken und sich in meinem Keller amüsieren. Vermutlich sind sie sogar froh, dass ich ihnen keine Gesellschaft leiste. Es ist tragisch. In meinem eigenen Haus steigt die beste Party ohne mich. Die beiden erzählen sich sicherlich spannende Geschichten aus fernen Ländern, während ich hier oben trostlos in die Leere starre. Ich sehne mich nach guter Gesellschaft oder zumindest einem sinnvollen Zeitvertreib. Ich will in ferne Länder reisen. Dieses Haus hängt wie ein Klotz an meinem Bein. Ich sollte fliehen. Ich sollte mich befreien. Ich sollte einen Koffer mit lediglich ein paar leichten Sommerkleidern packen und das Land verlassen. Diese Mauern sind nicht für mich geschaffen. Ich sollte ein unbeschwertes Leben führen und nicht Herrin solch großer Steinbrocken sein. Wie viel habe ich in dieses Anwesen investiert? In Wirklichkeit ist dieses Haus ein massiver Scheiterhaufen, die Vorhölle. Ich sollte fliehen und diesen Wahnsinn hinter mir lassen. Ich muss gehen. Ich veröde und verstaube. Ich könnte weinen, wenn ich mich nicht wie ein ausgetrocknetes Flussbett fühlen würde. Ich will alleine sein. Ich kann die anderen Menschen nicht leiden. Sie stören mich. Ich sollte alles hinter mir lassen. Ich sollte mich von meinem Besitz und meinen emotionalen Bindungen lösen.

 

2016, Öl auf Leinwand, 100 x 70 cm

 

Ein Neuanfang steht vor der Tür. Dieses Landgut ist die reinste Belastung. Vor allem sollte eine Frau wie ich, sich nicht ständig so abmühen müssen. Soll sich doch jemand anderes die zarten Finger blutig stechen beim Stutzen der Rosen. Ich habe keine Kraft mehr, die lausigen Stallburschen ständig zu tadeln, weil sie ihre Arbeit schlecht verrichten. Ich will mich auch nicht mehr um die zwei Eindringlinge im Keller kümmern. Ich kann mich nicht den ganzen Tag fragen, ob sie die gute Flasche Wein nun geöffnet haben oder nicht und mir zu guter Letzt auch noch Sorgen machen, weil sie verhungern könnten. Ich bin weder ihre Mutter noch ihr Kindermädchen und schon gar nicht ihre Kellnerin. Das interessiert mich nicht. Ich will keinen Keller mehr besitzen, in dem sich eine gute Flasche Wein befindet. Das bringt viel zu viele Komplikationen mit sich. Ich wünschte, jemand käme und würde mir ein lukratives Angebot machen und mich von diesem ganzen Schrott befreien. Ich kann diesen Anblick nicht mehr genießen. Ich hasse den Moment. Ich brauche einen neuen Ausblick. Meine luzide Gestalt wird hier zu Grunde gehen. Ich muss das Weite suchen. Es mangelt mir an Perspektive. Ich möchte vorankommen, oder zumindest irgendwo anders ankommen. Aber ich weiß nicht, wie ich das alleine schaffen soll. Ich weiß auch nicht, wen ich um Rat fragen soll. Die einzigen weit und breit, die mir helfen könnten, sitzen ganz hinten im Keller und hören meine Schreie nicht.

 

 

 

Anhang 9
Trespassing, 2015, Acryl auf Baumwolle, 200 x 250 cm